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NORWEGEN - Das Land der Fjorde und der Schären
Anfahrt:
Norwegen hat viele Gesichter. Wer es von einer seiner schönsten Seiten kennenlernen möchte, besteigt in Kiel das Schiff der Jahre Line und läuft nach neunzehnstündiger Überfahrt, bei norwegischer Gastlichkeit, in den Hafen von Oslo ein.
Stützpunkt: Die ideale Basis für Ausflüge in die großen Fjorde ist die Hafenstadt Bergen. Obwohl sie mit Salzburg den Ruhm des Regenreichtums teilt, kann es hier auch Monate ohne einen einzigen Regentropfen geben, so daß das Wasser knapp wird.
Norwegen: Ausgangspunkt für Fahrten in die schönsten Fjorde Norwegens ist der Hafen von Bergen. Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert war Bergen ein wichtiger Handelsplatz
Norwegen: Im Reich der Fjorde: wilde Berglandschaften und anmutige Täler
Norwegens Fjorde - dieser Begriff hat seit langem einen poetischen Klang. Es ist ja auch etwas Besonderes, zu Schiff tief in das Landesinnere fahren zu können - sozusagen mitten hinein in bewaldete Höhen, zu den Wasserfällen, einsamen Gehöften, uralten Stabkirchen oder auch vorbei an blühenden Wiesen und Obstbäumen. Heute ist das alles nicht mehr den Passagieren vorbehalten, die weite Nordlandreisen auf Musikdampfern gebucht haben, Heute kann man die Fjorde per Flugzeug, Eisenbahn, Auto, Fahrrad oder auch mit Schiffen des normalen Küstenverkehrs erreichen - oder man kann beispielsweise vom Schiff auf den Leihwagen umsteigen. Dabei ist jede Reise gut geplant, bei der man auch mit der Bevölkerung, mit den norwegischen Menschen, in Kontakt kommt.
Norwegens Fjorde im Westen -eine kaiserliche Leidenschaft
Viele Deutsche, die zu Schiff Norwegens Fjorde bereisen, wissen nicht, daß diese Begeisterung auf ihren früheren Kaiser Wilhelm II. zurückgeht. Spötter sagten: "Sein Vorgänger Wilhelm I. war der weise Kaiser, dann regierte kurze Zeit der greise Kaiser - er aber war der Reise-Kaiser." Aus heutiger Sicht kann man wohl sagen, daß vielleicht das Reisen das Weiseste an ihm war. An Bord der Hohenzollern hat er seit 1889 alljährlich, mit einer einzigen Ausnahme, Norwegens Fjorde besucht - bis er 1914 auf einer Nordlandfahrt von der Meldung des Mordes am österreichischen Thronfolger in Sarajewo überrascht wurde. In einer seiner Reden sagte er: "Eine magische Kraft zieht mich zu diesem Volk, das in ständigem Kampf mit den Elementen sich aus eigener Kraft vorwärtsgearbeitet hat..."
Eine magische Kraft zog ihn wohl auch immer wieder in das Haus des Regenschirmfabrikanten Eriksen bei Bergen, dessen Zugangsweg heute noch der Kaiserpfad heißt. Regenschirme zu produzieren, ist überhaupt in Bergen ein sehr gesundes Gewerbe. Zyniker behaupten, daß in dieser Stadt die Pferde scheuen, wenn sie einem Menschen ohne Regenschirm begegnen.
Bergen und seine Umgebung sind überhaupt reich an Superlativen. Bergens Hafen, umrahmt von rotgedeckten Häusern, die aus dem Grün der Berge hervorleuchten, gilt als einer der schönsten Europas. Der Sognefjord im Norden ist mit 180 Kilometern Länge der größte des Landes und wird "Der König der Fjorde" genannt. Der Vettisfoss tief innen im Fjord bei Ärdal ist mit einem senkrechten Fall von 275 Metern der höchste Norwegens. Hornelen, Europas höchste Meeresklippe, ragt südlich von Mäl0y am Ausgang des Nordfjords 869 Meter aus dem Meer empor. Zwischen Nordfjord und Sognefjord liegt der Jostedalsbreen, der größte Gletscher des europäischen Festlandes, ein Eisfeld von 475 Quadratkilometern Umfang. Mit 24 langen und Dutzenden kurzer Gletscherzungen reicht er hinab ins Hinterland der immer eisfreien, vom Golfstrom erwärmten Fjorde. Neueste Ergebnisse der Meeresforschung bestreiten allerdings die Existenz eines warmen Golfstromes als einer durchgehenden Strömung von der Ostküste des amerikanischen Kontinents zu den nord- und westeuropäischen Küsten. Die mehr oder weniger gleichmäßige Strömung erklärt man mit Ausläufern riesiger atlantischer Wasserwirbel, und die Wärme entsteht, so vermutet man, durch Reibungsenergie innerhalb dieser Wassermassen.
Der See J0lstravatn westlich des großen Gletschers ist der fischreichste des Westlandes. Die Flämbahn zwischen Myrdal und Fläm am Sognefjord mit ihren 900 Metern Höhenunterschied auf 20 Kilometer Strecke gilt als die aufregendste Bahnlinie Europas.
Aber auch ohne diese sieben Superlative seiner Umgebung wäre Bergen schon bemerkenswert genug. Im Mittelalter war Bergen eine sehr wichtige Handelsstadt. In Ermangelung von Kühlhäusern und Tiefkühltruhen konnte man den Fisch und manches andere nur mit Salz konservieren, und das große Geschäft machte, wer das Lüneburger Salz aus Deutschland in den hohen Norden schaffte. So kam es, daß die Kaufleute der deutschen Hanse 1350 in Bergen eine Niederlassung gründeten, die "Deutsche Brücke", deren von hölzernen Erkern gesäumte Gasse man heute noch durchwandern kann.
Aber nicht nur die Handelskontore, auch die Marienkirche gehörten damals den Deutschen. Bis 1868 wurde dort deutsch gepredigt. Ihre Kanzel ist von acht mehr üppig als kunstvoll geschnitzten allegorischen Frauengestalten umgeben, darunter die bloße "Bußfertigkeit" und die "Nackte Wahrheit".
Drei Jahrhunderte lang gaben die vornehmen Herren der Hanse, die zeitweise im Zölibat lebten, in Bergen den Ton an. Wer sich eingehend in die Zeit ihres Wirkens zurückversetzen möchte, kann in Bergen das Hanseatische Museum besuchen. Wenn uns in Deutschland der Name Bergner begegnet, können wir ziemlich sicher sein, daß damit das norwegische Bergen gemeint war.
Von sieben Bergen umgeben, ist die Stadt in ihrer Entfaltungsmöglichkeit begrenzt.
Um so erstaunlicher, daß es hier nicht nur winklige Gassen, sondern auch breite Straßen mit weiten Parkanlagen gibt. Seit ihrer Gründung durch König Olav Kyrre um das Jahr 1070 bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein blieb Bergen die führende Stadt Norwegens.
Norwegen: Eine rauhe, einsame nordische Landschaft mit äußerst mildem, von warmen Meeresströmungen beeinflußtem Klima: das sind die Lofoten (Bildmitte: der kleine Ort Sildpollen). Hier werden im Sommer Fischerhütten vermietet.
Norwegen: Was man hier sonst noch gesehen haben sollte?
Den täglichen, ebenso lebhaften wie bunten Fisch- und Gemüsemarkt, das Freilichtmuseum Gamle Bergen im Stadtteil Sandviken mit seiner Darstellung bürgerlicher Kultur und verschiedener Handwerkszweige zwischen 1750 und 1900. Auch die Domkirche sollte man besichtigen. Ihr ältester Teil stammt aus dem 12. Jahrhundert, über der Hafeneinfahrt wacht die Festung Bergenhus mit dem Rosenkrantzturm und der Häkonshalle, die aus dem 13. Jahrhundert stammt, aber Ende des 19. Jahrhunderts neu aufgebaut wurde. Schließlich hat Bergen im Vorort Nesttun auch eine Stabkirche, wie man sie sonst nur in abgelegenen Tälern findet.
Wer sich noch weiter in den Museen der Stadt umsehen will - im Fischereimuseum zum Beispiel und im Seefahrtsmuseum -, der sollte auch den Bildern von Edvard Munch einen Besuch abstatten - in der Galerie Rasmus Meyers Sämlingen Auch der andere Edvard, der wie kaum ein anderer Landschaft in Töne faßte, Edvard Grieg, empfängt lange nach seinem Tode noch Besucher in seinem Hause Troldhaugen in Fana an einem See südlich von Bergen. Oft werden seine Melodien auf dem alten Klavier des Meisters gespielt.
Krönung eines Bergenbesuches aber ist das 319 Meter hohe Fbifjell, der bekannteste der sieben Berge, den man bequem mit einer Seilbahn erreicht. Wenn der Blick von dort über Bergen und seine Fjordlandschaften noch zu übertreffen ist, dann vom doppelt so hohen Ulrikken aus, den die Bergenser ihren "Fudschijama" nennen.
Das Bergen eine lange Vorgeschichte hatte, wird durch neue Ausgrabungen offenkundig. Ein Abgeordneter stellte treffend fest: "Je tiefer wir graben, desto älter wird Bergen." Und Chefredakteur Gjesdal kommentierte: "Da man ja weiß, was Ausgrabungen kosten, ist das Alter der Stadt nur noch eine finanzielle Frage."
Norwegen: Der Sognefjord
Stellvertretend für die scharfen Kontraste, die den Norden im allgemeinen und seine Fjordlandschaften im besonderen kennzeichnen, sind die beiden weitverzweigten Fjorde, zwischen denen die Stadt Bergen liegt: der ernste, schroffe Sognefjord im Norden und der lieblichere Hardangerfjord im Süden der Stadt.
Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht uns beim Vordringen in den Sognefjord. Zu Schiff an steilen Felswänden entlang, die höchstens durch schäumende Wasserfälle Leben gewinnen - das ist unmittelbare Konfrontation mit dem Urgrund unseres Lebens, durch nichts Blühendes und Fruchtbares verharmlost. Noch stärker teilt sich dieses Empfinden mit, wenn man weiß, daß der Fjord bis zu 1244 Meter tief ist.
Im Mündungsbereich liegt die kleine Halbinsel Gul0y, auf der im Mittelalter das "Gulating" tagte, die Gerichtsstätte für das gesamte norwegische Westland. In der Nähe erreicht man das einsame Gehöft Verkland, das dem Dichter und Pädagogen Henrik Wergeland gehörte.
Freundlicher wird der Fjord in seinen Seitenarmen, die er nach Norden, Osten und Süden ausstreckt: Vellefjord, Lustrafjord, Ärdalsfjord, Naer0yfjord. Am Lustrafjord, dem großen Gletscher am nächsten, ist es oft so warm, daß man dort zeitweise Tabak angebaut hat. Auf der anderen Seite des Gletschers dagegen kann man sich an Spitzbergen erinnert fühlen. Dort im Westen liegt eine der kürzeren ("nur" 3 Kilometer langen) Eiszungen, der Briksdalsbreen. Krachend stürzen dort von Zeit zu Zeit hohe Eistürme ins Wasser. Man kann also beobachten, wie ein Gletscher "kalbt".
Norwegen: "An Land gestiegene Wikingerschiffe" nennt Skalberg die alten norwegischen Stabkirchen, die sich in den von Felsen umrahmten Fjordtälern erhalten haben. Eine der bekanntesten ist die bei Borgund, die um 1150 errichtet wurde.
Doch zurück zum Sognefjord.
Seinem verästelten System von Wasserwegen vorgelagert, das Hochgebirge im Rücken, liegt Balestrand, das beliebteste Reiseziel im Gebiet des Fjords. Am jenseitigen Ufer lädt Vik zum Besuch seiner alten Stabkirche ein. Doch um die größte und eindrucksvollste dieser Kirchen zu sehen, muß man schon zu Schiff weiter bis Laerdal fahren und sich im Innern und auf dem äußeren Laufgang der achthundert Jahre alten Kirche von Borgund ergehen. Auch im nördlicheren Urnes steht eine Stabkirche, deren Reliefs mit stilisierten Tierleibern einen guten Einblick in die Tradition germanischen Kunsthandwerks geben.
O. Skalberg weist auf die Verwandtschaft dieser alten Kirchen mit dem Schiffbau der nordischen Seefahrer hin und nennt die Holzkirchen "an Land gestiegene Wikingerschiffe... In den Stabkirchen haust der Gott, der die Bäume schuf und den Menschen den Mut einflößte, Schiffe daraus zu zimmern und das Meer zu befahren."
Im lieblichen Tal von Fläm endet die Flämbahn, die von Myrdal aus in engen Kurven 900 Meter bergab fährt. An der Flämbahn schäumen auch der Kjosfoss und der Rjoandefoss, während man, um den höchsten aller norwegischen Wasserfälle, den Vettisfoss, zu sehen, bis zum äußersten Ausläufer nach Ärdal fahren muß.
Wem all die Naturwunder dieses Gebietes noch nicht genügen, der sollte einmal vom Lustrafjord aus mit dem Auto ins Hochgebirge von Jotunheimen vorstoßen - eine Fahrt in die Urwelt auf einer der schönsten Hochgebirgsstraßen Europas. An der Straße nach Lom liegen Touristenhotels, in denen man das exklusive Gefühl der absoluten Einsamkeit kosten kann.
Norwegen: Der Hardangerf jord
Auch der Hardangerf jord liegt in der Nachbarschaft des ewigen Eises: Zwischen ihm und dem S0rfjord erstreckt sich eine bergige Halbinsel, die von dem Folgefonn-Gletscher(1674 m) in derHöhe wie von einem weißen Mantel bedeckt ist. Dessen Fläche ist halb so groß wie die des Jostedalsbreen: 220 Quadratkilometer. Seine Begehung ist weitaus gefährlicher, weil er in viele Gletscherspalten zerrissen ist. Seine Ostflanke bietet das seltene Bild eines Gletscher-Steilbruches.
Wie vor allen diesen berühmten Fjorden irritiert uns vordem Eingang des Hardangerfjordes ein Irrgarten aus Inseln und Schären, so daß der Unkundige sich wundert, daß die Seeleute immer wieder den richtigen Fjordeingang finden. Auf einer dieser Inseln ist der stille, idyllische Badeort Leirvik noch nicht dem Massentourismus erschlossen.
Im Bereich des Hardangerfjords ist die Wasser- und die Lufttemperatur höher als in den anderen Fjorden Westnorwegens. Daher können die schmalen Uferstreifen auch zum Obstanbau genutzt werden. Mitte Mai kleiden sich seine Ufer, vor allem im mittleren Teil des Fjordinneren, in einen hellen Saum von Blüten, deren vergängliche Pracht zur - fast - unvergänglichen von Schnee und Eis auf den Bergen kontrastiert. Dazwischen hängen die silbernen Fäden der Wasserfälle. Am Treffpunkt von Hardanger- und S0rfjord liegt wieder eine mittelalterliche Kirche: die Steinkirche von Kinsarvik (13. Jahrhundert). Eine Stunde Fußweg führt von hier aus zum Wasserfall Tveitefoss.
In der Mitte des Fjords ist der Badeort Norkeimsund auf der Autostraße von Bergen aus zu erreichen. Seine Hauptsehenswürdigkeiten: der Steindalsfoss und die 230 Meter lange Fykesundbrücke. Ein beliebter Aufenthaltsort ist auch Ulvik ganz am Ende eines Seitenarmes, der bereits "harmlos" wie eine Talsperre in Deutschland aussieht. Bei Odda im Innern des S0rfjords, von wo aus Unentwegte den gefährlichen Folgefonn-Gletscher besteigen, schäumt der Lätafoss. Noch dramatischer ist das Schauspiel, das der V0ringfoss bei Eidfjord am östlichen Ende des Hardangerfjords bietet: 163 Meter tief stürzt dort der Bjoreia in eine Schlucht.
Von Eidfjord aus kann man das Hardangervidda-Plateau durchwandern. Hier scheint die Zeit seit Jahrtausenden stillzustehen.
Das Gebiet aus Moor- und Heideland, Fels und Geröll scheint mehr den Rentieren als den Menschen zu gehören. Fischreich sind die vielen kleinen und größeren Seen. Bäche und Flüsse sind klar wie am ersten Schöpfungstag.
Norwegen: Rorbuferien bei den Lofoten-Fischern
Anfahrt Norwegen sollte man nicht nur von der Küste her zu Schiff erkunden, sondern auch von der Nordkapstraße aus, die von Svinesund an der schwedischen Grenze bis zum Nordkap führt (2200 Kilometer in etwa 10 Tagen). Davon sind "nur" Dreiviertel der Strecke bis Narvik zurückzulegen - über Oslo, den Mjösasee, durch das bei Malern beliebte Gudbrandsdal, überTrond-heim mit dem größten mittelalterlichen Dom Skandinaviens, die weiten Wälder in Namdalen, durch das wilde Vefsnatal über den Polarkreis nach Bodö und durch eine zerklüftete Fjordlandschaft (Autofähren) nach Narvik. Wer von hier aus noch einen Abstecher in Richtung Tromsö unternimmt, bekommt einen Begriff von der Einöde der arktischen Fjelle (der baumlosen Berge!. Von Narvik fährt man durch den Ofotfjord und dann durch die Weite des Westfjords zu den Lofoten. übrigens: Wer es eilig hat, kann sich auch des gut ausgebauten innernorwegischen Flugnetzes bedienen.
Stützpunkt Als Stammquartier empfehlen sich die Fischerorte Svolvaer oder Reine.
Wer die roten Holzhäuser der Norweger an Fjorden, Flüssen oder Seen sieht, in dem erwacht oftmals der Wunsch, auch einmal so zu wohnen, weitab von Industrie und Großstadtgetriebe, den Bäumen und Büschen näher als den Menschen. Wenn man dann noch festgestellt hat, daß das Klima bis zum hohen Norden dank der warmen Meeresströmungen milder ist, als man sich vorstellte, dann ist es bis zur Verwirklichung dieses Traumes nicht mehr weit. Zu begrüßen ist, daß die gastlichen Norweger diesen Wunschträumen entgegenkommen und zum Beispiel auf den Lofoten monatelang ihre Fischerhäuser den Fremden oder sagen wir besser: den Freunden aus anderen Ländern zur Verfügung stellen.
Norwegen: Rorbuferien - was ist das?
Rorbuer (u = ü) sind Fischerhütten, die nur während der Kabeljau-Fangzeit von Mitte Januar bis April benutzt und im Sommer an Urlauber vermietet werden. Rorbuer auf den Lofoten-Inseln, das ist der Inbegriff des einfachen Lebens. "Wohlstandsfamilien", die vom Leben in der Großstadt mit all seinem Komfort übersättigt sind, ziehen sich ebenso gern in die Fischerhütten Nordnorwegens zurück wie Künstler, die Ruhe und Besinnung suchen, oder einfach ganz gewöhnliche Sterbliche, die für wenig Geld eine Weile in einer anderen Welt leben möchten.
Und wie anders ist diese Welt als alles Gewohnte!
Die Lofoten, Inseln vor der Küste Nordnorwegens, sehen wie die Gipfel eines alpinen Hochgebirges aus, das im Meer versunken ist - und sie sind es auch! Spitze Gipfel, Gletscher und Kare sind hier zwar nicht auf bequemen Wegen zu erreichen, aber ohne große Kletterei. Drüben in Narvik, von wo man über den tiefen, oft stürmischen Westfjord zu ihnen vorstößt, gibt es noch - fast - alle Arten von Zivilisation: die Lapplandbahn, die von den schwedischen Erzgruben bei Kiruna herüberkommt, die Werft- und Hafenanlagen mit den größten Erzverladekais der Welt, den Lift zum beliebten Aussichtspunkt Fagernesfjell.
Auf den Inseln der Lofoten und Vesterälen findet man massive Bergkegel, messerscharfe Grate, steile Wände, enge Durchfahrten, rauhe Winde, treibende Wolken, sprühende Nordlichter. Aber es gibt dort auch das wärmere Meer, so daß das äußerste Inselchen R0st nicht einen einzigen Wintertag, dafür aber 162 Frühlingstage kennt. Dazwischen die kleinen Häuser, Kirchlein und rot gestrichenen Fischerhütten eben jene Rorbuer, in denen man schläft wie in Abrahams Schoß und morgens höchstens durch das Geschrei der Möwen geweckt wird, begleitet von dem Rauschen des Meeres, sofern der Wind das Wasser bis in die Stille einer Bucht hinein bewegt. Jeder Ort von Svolvaer bis Reine hat diese Fischerhäuschen.
Jenseits des Wassers blickt man meist auf steile, nackte Felswände, keine blühenden Matten, keine Almen-Romantik, vielmehr Urwelt, eben erst verklungene Eiszeit, Zeitlosigkeit.
Mancher wird hier zwischen ausgespannten Netzen und zum Trocknen aufgehängten Fischen selbst zum Fischer und holt sich sein Mittagsmahl mit der Angelschnur aus dem Sund. Aber es gibt natürlich auch Läden, in denen man sich einkleiden kann, mit bunt gemusterten Pullovern zum Beispiel als Kontrast zum düsteren Hintergrund der Felsen.
Wer mit den kleinen Schiffen, die das Festland und die Inseln miteinander verbinden, Abstecher von Ort zu Ort macht, lernt nicht nur die Menschen des Nordlands näher kennen, sondern auch die rauhe Inselwelt. Wer spät abends durch den Raft-Sund fährt, der empfindet die düsteren Felskonturen der kleinen Insel Store Molla und der Austvägöy, die sich abheben von der kalten Helligkeit der nordischen Nacht, wie eine unüberschreitbare Barriere am Ende der Welt. Mit um so größerer Behaglichkeit kehrt er in den "Heimathafen" von Svolvaer, Stamsund oder Reine zurück, um im Cafe des Dorfes sich an warmen vafler med sm0r (Waffeln mit Butter) oder med f!0te (mit Sahne) zu laben.
Als Lektüre sollte man Bücher von Knut Hamsun mitnehmen, etwa die schlichte Liebesgeschichte "Victoria", aus der ich die liebenswerte Marie Hamsun lesen hörte. Schließlich liegt jenseits des Westfjords die Insel Hamaröy mit dem Flecken Hamsund, in dem der Dichter Knut Hamsun zwar nicht geboren, aber aufgewachsen ist und nach dem er, der ursprünglich Pedersen hieß, sich als Autor genannt hat. Wenn je ein Dichter in dem felsigen Boden seiner Heimat verwurzelt war, wenn je ein Dichter den Menschen im Urgestein der Seele zu fassen wußte, so er, der Verfasser von "Pan" und "Segen der Erde".
Norwegen: Nach Norwegen durch die Hintertür -auf der schwedischen Eisenbahn
Anfahrt Von Hamburg ging es abends mit dem Zug nach Travemünde an der Ostsee. Die Fahrt mit der Fähre nach Trelleborg ging bis zum frühen Morgen, so daß man ausgeschlafen in den Zug nach Stockholm steigen konnte, der gegen Abend die Hauptstadt erreichte. Am nächsten Tage dauerte die Fahrt über Sundsvall und Bracke nach östersund etwa sieben Stunden. Am anderen Morgen wurde die Reise über die Berge nach Trondheim fortgesetzt. Für diese letzten 268 Kilometer brauchte der Zug fünf Stunden. Von Stockholm bis Trondheim sind es insgesamt 878 Kilometer. Nebenbei gesagt: Man kann von Stockholm auch bis Narvik in Nordnorwegen mit der Bahn fahren. Das sind dann aber 1541 Kilometer, und dafür braucht der Zug fast 24 Stunden.
Stützpunkte:
Erster Stützpunkt dieser Reise war eine urgemütliche Pension in Stockholm. Nach einer Fahrt durch endlose Wälder wartete ein ähnliches Quartier in Östersund am nordschwedischen Storsee (stör wird wie "stur" gesprochen, hat aber nichts mit Westfalen zu tun, sondern bedeutet groß). Nach einem Aufenthalt in Trondheim an der norwegischen Westküste wurden die Stützpunkte Östersund und Stockholm nochmals aufgesucht und dann mit Eisenbahn und Fährschiff (Hälsingborg - Helsingör) Kopenhagen erreicht. Alles in allem: vier charakteristische Stützpunkte in drei Ländern.
Eine meiner ersten Traumreisen sollte einen Vergleich dreier Länder ermöglichen: Schweden, Norwegen und Dänemark. Dabei widerlegte der Wettergott ein Vorurteil gegen den kühlen Norden: Es gab bis auf wenige Regentropfen in Trondheim nur heitere, warme Sommertage. Auch die Menschen waren keineswegs kühl, wenn auch die Dänen gegenüber ihren nordischen Brüdern sehr südländisch-temperamentvoll wirken.
Durch Schweden, Norwegen und Dänemark
Am Kai Travemünde vertauschten wir unser Reisegeld in drei Währungen: schwedische, norwegische und dänische Kronen, denn wir wollten die Länder der schwedischen, der norwegischen und der dänischen Krone - sehr demokratische Länder übrigens - besuchen. Die schwedische Fähre, bei der wir abends an Bord gingen, war ein Tummelplatz reiselustiger Nationen. Sie demonstrierte uns gleich in der Nacht die Annehmlichkeiten der nordischen Sauna: die schlecht entlüftete Kabine zweiter Klasse war für uns ein Schwitzbad ersten Ranges, während die gewitzten Schweden selbst es sich in den bequemen Liegesesseln der oberen Decks Wohlsein ließen.
Die Eisenbahnfahrt Trelleborg - Stockholm erinnerte an die Norddeutsche Tiefebene. Heideland, Äcker, Wiesen und Wälder. Dann die Landeshauptstadt, das geschäftige Stockholm. Wer genug Zeit hat, sollte für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten - besonders in der Altstadt - einige Tage einkalkulieren.
Wer ein Taxi benutzen wollte, reihte sich in die nächste Seh lange ein, die draußen vor dem Bahnhof stand. Wer Mut und einen Stadtplan hatte, ließ sich von einem der offenbar von Jagdfliegern gesteuerten Autobusse durch Straßen und Gassen mehr katapultieren als fahren. Schwedische Behaglichkeit fanden wir erst, als wir in unserer Pension an der Nybrogate angelangt waren.
Am Abend lud uns ein Stockholmer Freund in die "Gondel" am Slussen ein, die man mit einem Aufzug erreicht. Ein weiter Blick auf die erleuchtete Stadt und auf eine lückenlose Sm0rrebr0d-tafel. Das Servieren währte Stunden und hätte vielleicht Tage gedauert, wenn wir nicht den offenbar von keinem Hunger wissenden Kellner auf unseren Appetit aufmerksam gemacht und damit eine hektische Betriebsamkeit ausgelöst hätten. Der "vakt-mester", kein Polizist, sondern der weibliche Oberkellner, lächelte diskret zu dieser Umstellung auf mitteleuropäischen Minutengeiz.
Stockholm kann man wie Venedig durch eine Motorbootfahrt kennen lernen. Man sieht viele Brücken und neben nicht allzu vielen historischen Bauten die modernen Hüllen schwedischer Wohnkultur. Dachgärten und Schwimmbassins auf Dächern - so hörten wir- sind keine Seltenheit. Das Rathauserinnert nicht nur durch seine Lage, sondern auch durch seine Bauweise an Venedig. Die Säulenreihen, durch die man den weiten Hof erreicht, hängen wie Fransen an einem Teppich, ähnlich denen des Dogenpalastes, in welchem sich Morgen- und Abendland die Hand reichen. Tanzende Plastiken im Freien schienen ebenfalls unter einem südlicheren Himmel heimisch zu sein. Doch warum eigentlich? Wo ist der Himmel klarer und heller/als wirihn in diesem nordischen Sommerfanden? Wo sind die Sommertage länger, wo werden sie inbrünstiger genossen?
Zahllose Plätze der Stadt lockten mit Rutschbahnen und Schaukeln die Kinder und mit Konzert, Theaterspiel und Tanz die Erwachsenen. Wir sahen eine schwedisch-französische Veranstaltung auf dem Stortorvet nahe dem Königlichen Schloß, bei der die Menge stehend eine Serie skandinavisch-umständlicher Reden über sich ergehen ließ, um dann dem Versuch des Staatsopernballetts, einen Cancan zu tanzen, maßvoll zuzujubeln.
Wie schnell waren wir von Stockholm aus an der See! Saltsj0baden, 17 Kilometer entfernt, bequem mit der Vorortbahn zu erreichen, ist zugleich eine der beliebtesten Wohngegenden und Ziel für Erholung suchende. Im Bauen paradiesischer Sommerhäuschen am Wasser, die wenig Geld kosten, scheinen die Völker des sonnenhungrigen Nordens zu wetteifern.
Später im Seebad Dalar0 bei Stockholm. Wald und Meeresstrand, Ankerplätze für Kriegsschiffe und Rutschbahnen für Kinder. Wir wußten, daß die Bahn nach Trondheim in Mittelnorwegen durch Wald- und Seengebiete führt, aber wir ahnten nicht die Schönheit einer Eisenbahnfahrt, die nur in Finnland ihresgleichen findet. Da strömen unsere pflastermüden Städter in die überfüllten Schwarzwaldbäder, sind selig, auf einem Waldspaziergang nur einigen Dutzend ihresgleichen zu begegnen, und nur wenige wissen, daß gegenüber den tiefen Wäldern, endlosen Seen und ungebändigten Flüssen Schwedens und Finnlands der Schwarzwald nur eine kostbare Miniaturausgabe ist. Man halte an einer beliebigen Stelle dieser Fahrt die Kamera aus dem Wagenfenster und wird gewiss ein Bild einfangen, das in seiner Stille und Urwüchsigkeit Wunschtraum aller Abgehetzten ist! In Stockholm sang uns ein "alter Schwede", angeheitert wie ein Landsknecht Gustav Adolfs, ein Loblied auf den Rhein. Wir wollen dem Indalselv kein Lied singen, sondern ihn in seiner sonnenglitzernden Selbstzufriedenheit und seinem jeden Widerstand, schäumend vor Zorn, überwindenden Temperament überlassen. Wir wollen auch nicht versuchen, die einsame Weite des Storsees bei Östersund zu schildern. Man muß einfach da gewesen sein und den hölzernen Turm auf der Insel Fr0s0 bestiegen haben, hinter unermeßlichen Wäldern im Norden Lappland, im Westen die norwegische Grenze ahnend, von Eichhörnchen umwimmelt, ein Glas würziger Milch zu selbst gesammelten Heidelbeeren trinkend. Ein Nachmittag zu Füßen dieses Turmes verbracht - und man meint, schon Wochen der Ruhe und Entspannung zu genießen.
Von der Stadt Östersund, der einzigen in Jemtland, kann man angenehm oder unangenehm enttäuscht sein. Wer das "einfache Leben" des hohen Nordens sucht, wird wenig Freude an den Kaufhäusern und Kinos haben, die sich nicht von denen im Süden unterscheiden. Dennoch wird es ihm vielleicht auch nicht unangenehm sein, in der Bar speisen zu können. "Bar" nennen sich die blitzsauberen Selbstbedienungslokale, die auch dem Reisenden mit nicht all zu dicker Geldtasche längere Fahrten durch das nicht gerade billige Schweden ermöglichen.
Der Schienenstrang zur norwegischen Grenze bei Storlien führte in die Regionen oberhalb der Baumgrenze, jene trostlose Einöde von Moor und Fels, von der man sich magisch angezogen fühlt, ohne zu wissen warum.
Trondheim, einst Hauptstadt Norwegens, machte uns rasch mit den Gegensätzen der norwegischen Städte vertraut: hier modernes Hotel - dort ärmlicher Tabakladen, hier eine Hauptstraße im Blumenschmuck - dort eine Straße, die noch nie einen Pflasterstein gesehen hat. Der Blick der Norweger ist auf die See und auf ihre Handelsflotte gerichtet. Die Städte der Westküste sind immer Startplätze nach fernen Zielen. Wer zurückbleibt, lebt in kleinstädtisch-ländlichen Verhältnissen. Wer nach vielen Fahrten auf den Weltmeeren einen ruhigen Lebensabend sucht, baut sich ein Haus am Fjord und vermisst bei der Fülle der Erinnerungen nicht die Annehmlichkeiten der Großstadt.
Trondheim, eine viel besuchte Handelsstadt, wurde 997 unter dem Namen Nidaros von König Olaf Tryggvason, einem ehemals weit gereisten Wikinger-Häuptling, gegründet. Im 11. Jahrhundert wurde Nidaros die politische und kirchliche Hauptstadt des Landes. Die frühgotische Kathedrale, schönster Kirchenbau des Nordens, trägt heute noch den Namen Nidaros-Dom. Die mittelalterliche Stadt wurde durch zahlreiche Brände zerstört, so daß aus jener Zeit nur noch die Kirche und das Steinhaus der Erzbischöfe beim Dom erhalten geblieben sind. Nachdem wir dem Dom die gebührende Verehrung gezollt und der Festung einen Besuch abgestattet hatten, fuhren wir über den breiten Fjord nach Vanviken. Hier geschah es, daß meine für die warmen Fluten der Adria schwärmende Frau sich in das mit Zögern betretene Urgestein Skandinaviens verliebte, jene Buckel und Mulden, vom Gletschereis geglättet, wo es sich so herrlich in der Sonne ruhen und dem Selbstgespräch des Meeres lauschen läßt. Wir haben seitdem etliche beliebte Badeplätze bei Trondheim besucht, auch an den Bergseen, zu denen der Autobus oder die Vorortbahn empor klettert, aber nirgends schmiegte sich das Nordmeer so zutraulich dem Fels, dem Wald und den Wiesen an wie dort in der sonnigen Vanvik.
Im Speisesaal unseres Hotels machten die bunten holzgeschnitzten Stühle und Schränke, daß wir uns als Gäste norwegischer Bauern fühlten. Freundliche "piken" betreuten den reichhaltigen sm0rgasbr0d-Tisch. Schon zum Frühstück gab es neben schokoladenfarbenem Ziegenkäse und vielen anderen Genüssen die köstlichen Waffeln mit sm0r (Butter).
Rückreise.
Noch einmal die Wälder Nordschwedens und das lebensfrohe Stockholm. Im Freilichtmuseum Skansen alte Blockhäuser und Holzkirchen, wie sie in den Waldlandschaften zum größten Teil schon ausgestorben sind.
Bei Skansen gibt es auch einen Vergnügungspark Tivoli, aber das Urbild und Muster eines solchen Eldorados des harmlosen Vergnügens, der Tivoli in Kopenhagen, ist unerreicht.
Vom schwedischen zum dänischen Tivoli fuhren wir bequem mit der Eisenbahn. Hälsingborg gegenüber nähert sich ja die Insel Seeland, auf der Kopenhagen liegt, ganz freundschaftlich dem schwedischen Festland, so daß nur ein schmales Band vom Öresund zu überqueren bleibt, um nach Helsing0r und bald darauf nach Kopenhagen zu gelangen. Dänemark begrüßt seine aus Schweden kommenden Gäste bei Helsing0r mit einem Renaissance-Schloß von edelsten Proportionen, von Wällen und Basteien umgeben: Schloß Kronborg, Schauplatz von Shakespeares "Hamlet".
Tivoli in Kopenhagen: Neben Jahrmarkttrubel und Tanz der Konzertsaal und das Pantomimetheater. Einen Tivoli oder Prater sollte man jeder Großstadt wünschen - sie haben es bitter nötig.
Kopenhagen gehört mit seinem unbeschwerten Leben, seinem Sonnenhunger und seinen Traditionen dem Norden an. Man kauft sich kein neues Auto, wenn das alte noch irgendwie läuft, man wünscht sich überhaupt nicht unbedingt einen Wagen, wenn man den fröhlichen Strand bei Klampenborg auch mit dem Fahrrad - womöglich Familienerbstück! - erreichen kann. Der Däne vertraut gern der eigenen Kraft; vielleicht kommen daher die unzähligen Fahrräder auf allen Straßen!
Es ist ein Erlebnis eigener Art, unsere Brüder im Norden zu besuchen. Gewiß, ihre Ruhe, ihre Sorglosigkeit, ihre Ausdauer im Anhören bombastischer Reden können den Mitteleuropäer nervös machen. Wir sind anders, bei uns läuft die Zeit schneller, wir beschäftigen uns gründlicher mit manchen Dingen. Aber wir stehen auch nicht so fest auf beiden Beinen, unser Schaffen läuft eher Gefahr, dem Alltag und der Mechanik der Gegenwart zu verfallen. Sie sind anders. Wir haben nicht nur ihre Küsten und Wälder, ihre Lieder und Bauernhütten, sondern sie selbst, diese Menschen, ins Herz geschlossen.
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